Michel -BMW
Classic-Motorradsport

Titelbild: Zustand vom Mini - Boxer nach dem Fund in Schweden 2018. 


Die Entdeckung des Michel-BMW Mini-Boxers in Schweden und seine Rückführung.


Mein Bruder Willi und ich haben Anfang der 1980er-Jahre mit dem Michel-BMW Mini-Boxer ein Motorrad auf die Räder gestellt, das sich im Laufe der Jahrzehnte zu einer Stilikone entwickelt hat, die für den Rennsport der 1970er- und 1980er-Jahre steht. Zum einen, weil sich die Maschine durch ein außergewöhnliches Design und eine für die damaligen Verhältnisse sehr interessante Technik auszeichnet hat. Vom Leistungsgewicht ganz zu schweigen. Wir haben mit diesem Motorrad versucht, unser Meisterstück vorzulegen – auch wenn viele der Bauteile damals noch nie richtig erprobt waren und den Erwartungen im Praxistest erst standhalten mussten. Und es gibt einen weiteren Grund, weshalb dieses Motorrad zur Legende wurde. Die Maschine kam nur ein einziges Mal in einem Wettbewerb zum Einsatz: 1982 beim 24-Stunden-Rennen in Barcelona. Gegen die japanischen Werksteam haben wir dort den 8. Startplatz heraus gefahren. Nach dem Rennen wurde unser Motorrad aus dem Transporter gestohlen und blieb seither, trotz intensiven Nachforschungen, wie vom Erdboden verschluckt.

Vor allem meinen Bruder Willi hat der Diebstahl schwer getroffen – menschlich wie auch wirtschaftlich. Willi war Perfektionist und wollte immer vorn sein. Er machte keine halben Sachen und war, wie auch ich, immer auf der Suche nach dem perfekten Motorrad. Er wollte stets die beste und schnellste BMW seiner Zeit bauen, und ein paar Mal ist uns dies auch gelungen. Er konnte sich gar nicht vorstellen, dass Menschen so böswillig sein können und seine Rennmaschine aus dem Transporter stehlen. So eine Tat lag außerhalb seiner Vorstellungskraft. Das hat ihn dermaßen erschüttert, dass seine Motorsportwelt aus den Fugen geraten ist. Vermutlich war es auch ein Auslöser für seine schlussendlich tödlich verlaufene Krankheit. Für so etwas hatte er nur Verachtung übrig, und daran ist er aus meiner Sicht letztlich zerbrochen und im Jahr 1995 verstorben.

Ich selber habe, trotz aller Legenden, die sich mittlerweile um das Motorrad rankten, nicht mehr damit gerechnet, den Mini-Boxer jemals wiederzusehen. Fast 40 Jahre sind seit dem Rennen in Barcelona vergangen.

War es nun Zufall oder reale Gerechtigkeit!?

Immer wieder erhalte ich Anfragen von Motorradfahrern, die wissen möchten, ob es sich bei ihrer Maschine um eine echte Michel-BMW handelt und welche Arbeiten wir damals an dem Motorrad ausgeführt haben. Nicht selten muss ich die anfragenden Personen leider enttäuschen, denn in vielen Motorrädern, auf denen Michel-BMW draufsteht, ist nicht eine Schraube von Michel-BMW drin …

Im Oktober 2018 erreichte mich solch eine Anfrage per E-Mail aus Schweden. Der Mann wollte Auskunft über ein Motorrad haben, das er, wie er schrieb, in einem Haus gefunden habe, welches er kurz zuvor gekauft hatte. Die Anlage enthaltenen Bilder zeigten eine völlig heruntergekommene Rennmaschine, die wohl harte Zeiten hinter sich gebracht hatte. Am nächsten Tag nahm ich mir die E-Mail aus Schweden noch einmal vor, um sie zu beantworten und betrachtete das Motorrad sehr genau mit Ruhe. 

Noch heute stellt sich bei mir dieses Bauchflattern ein, wenn ich mich an den Augenblick zurückerinnere, als ich feststellte:

Dieses Motorrad war unser 1982 gestohlener Mini-Boxer!

Mehrere schlaflose Nächte grübelte ich: Wie sollte ich auf diese Anfrage reagieren? Wie könnte es gelingen, den Mini-Boxer wieder nach Hause, nach Deutschland zu holen?

Ich nahm Kontakt zu dem Mann auf und erklärte ihm den Sachverhalt. Der Schwede, dessen Namen ich hier nicht nennen möchte, blieb freundlich – aber forderte belastbare Beweise von mir, dass es sich bei seiner Maschine tatsächlich um unseren Mini-Boxer handelt. Mittlerweile hatte es einen Nachbau des Mini-Boxers gegeben (siehe auch MO Sonderausgabe 62 ( Sepp H.) und der Schwede meinte, auch seine Maschine könnte eine Replika sein. Also suchte ich Unterstützung bei der BMW Classic-Group. Die mir sofort zugesagt wurde. Immerhin ging es um die „Ikone“ im Leichtbau mit BMW-Motorrädern. Die Münchner nahmen dann Kontakt nach Schweden auf und klärten den Mann auf, dass es sich bei dem Motorrad mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um den Michel-BMW Mini-Boxer handelt.

Noch etwas spielte hier eine Rolle: Im November 2017 war das Buch „Mythos Michel BMW“ auf den Markt gekommen, in dem mein Freund Christian Wiechel-Kramüller die Geschichte des Michel-BMW-Rennstalls erzählt. Das Buch ist in enger Zusammenarbeit mit mir entstanden, freundlich begleitet durch die BMW Classic Group und hat sich auch im Ausland gut verkauft. Es widmet sich ausführlich der Geschichte des Mini-Boxers – was mit Sicherheit auch in Schweden wahrgenommen wurde. Jetzt konnte man das Motorrad nicht mehr geheim halten, zumal es öffentlich auf der Rennstrecke bewegt worden war. Hierdurch entstand vermutlich ein gewisser Druck auf den skandinavischen Besitzer, so dass er Kontakt zu mir suchte. 

Hier gilt es zu verdeutlichen, dass dem schwedischen Motorradsportler keine illegalen Verstrickungen zu dem Diebstahl in Barcelona nachgesagt werden kann.

40.) Günter vor der Abfahrt nach Schweden.

 

 Nun lag es an mir zu beweisen, dass es sich bei diesem Motorrad um das Original handelte. Hier war mein Wissen der Schlüssel zum Erfolg, denn ich hatte ja den Rahmen selbst  geschweißt. Einige Teile wurden dabei auch hartgelötet. Bei den ersten Testfahrten hatten Willi und ich einige Unruhen im Fahrwerk festgestellt. Daraufhin hatten wir kurzerhand einen Rahmenunterzug angebracht, der auf den offiziellen Fotos, die vor dem Rennen noch in Deutschland entstanden waren, noch nicht vorhanden war. Glücklicherweise konnte ich diesen Umstand mit einigen Fotos beweisen, die erst in Spanien gemacht worden waren. Außerdem hatten damals die Fahrer in Spanien die vordere Bremse beanstandet. Es war lediglich eine 2-Kolbenzange mit Bremsscheibe rechts verbaut, wir konnten aber nur eine 4-Kolbenzange für links auftreiben. Jetzt war aber der Gabelholm links abgedreht. Das heißt, es war keine Befestigung für die Bremszange mehr vorhanden. Nur noch am Gabelholm rechts. Also haben wir den rechten Gabelholm links und den linken rechts eingebaut. Somit war das Problem gelöst. Dieser Umbau ist auch jetzt noch so an diesem Motorrad zu finden – aber eben auf keinem der offiziellen Fotos zu sehen, die auch heute noch durch die Fachpresse gehen.

Über den Mini-Boxer gab es viele Berichte und Meinungen in der Vergangenheit. So auch, das er einen 1000ccm Motor hatte. Das kam wohl daher, das wir für das Rennen mit dem Motorrad für die Nennung BMW R100 angaben. Dieses Motorrad war zu der Zeit für die Langstrecke homologiert. In der Nennungsbestätigung erhielten wir die bekannte Startnummer „5“ . Die wir auf die für die Langstrecke vorgesehene schwarzen Nummerntafeln anbrachten. Bei der Fahrzeugabnahme hat man aber festgestellt, das es sich bei dem Motorrad nicht um eine BMW R100 handelte, sondern um einen Prototyp. 

Deshalb hat man uns in die Prototypenklasse eingestuft. D.h. Startnummer "42" auf weißer Nummerntafel.

All diese Dinge und noch weitere Kleinigkeiten konnte ich belegen. Sie waren dem Schweden Beweis genug, dass es sich tatsächlich um unser Motorrad handeln musste. Trotzdem dauerte es noch einige Zeit, bis wir uns im Januar 2020 auf einen „Finderlohn“ einigten, den ich dann auch  gern bezahlte, damit das Motorrad wieder zu uns kommt. Etwa zur selben Zeit erschien in der MO BMW Motorräder Nr. 72 der Bericht über einen weiteren Nachbau des Mini-Boxers (von Klaus B.).  Jetzt hieß es schnell zu handeln, bevor durch diesen weiteren Nachbau neue Probleme entstehen würden. Also brach ich in einer Nacht- und Nebelaktion Ende Januar gemeinsam mit meinem Freund Engelbert Nowak nach Schweden auf. In zwei Tagen fuhren wir die rund 2000 Kilometer hin und wieder zurück.

  • 41.) Die Fähre von Puttgarden nach Rodby
  • 42.) Auf deck war es schön kalt....
  • 43.) Engelbert war schon sehr müde nach 10h Fahrt - ja. ja. die Jugend...
  • 44.) Günter bei der Übergabe in Malmö
  • 45.)  Schnell wieder zurück. Günter auf der Fähre Rodby nach Puttgarden.
  • 46.) Engelbert beim verladen vom Mini-Boxer in Schweden.

 – Dann war das Motorrad nach einer langen Odyssee endlich wieder zu Hause. -

Seit dem 2. Februar 2020 steht der Mini-Boxer nun wieder in meiner Werkstatt. Vieles ist noch original, aber einige Dinge wurden im Laufe der Jahre verändert. Der für den Renneinsatz verbaute Michel-BMW-Motor fehlt zum Beispiel und wurde gegen einen 1000er-Serien-Boxer getauscht. Vermutlich waren die zwischenzeitlichen „Eigentümer“ mit der Technik und der fachgerechten Einstellung unseres R65 (850ccm) Ultra-Kurzhubers überfordert. Auch an der Verkleidung sind einige Änderungen vorgenommen worden, doch ich werde die Maschine – auch im Andenken an meinen Bruder Willi – wieder exakt so aufbauen, wie sie 1982 in Spanien an den Start gegangen ist.

Ich möchte mich bei allen Beteiligten, die mich bei der Rückführung des Mini-Boxers unterstützt haben, ganz herzlich bedanken – ganz besonders bei meiner Frau,

 bei meinen Freunden Engelbert Nowak und seiner Frau Moni, sowie Christian Wiechel-Kramüller !

 

Günter Michel